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Mehr ins Zentrum rücken


Neuer Norden Zürich/ Kanti Zürich Nord/ Klasse K5d:

"Geboren und aufgewachsen in Seebach, aus der Presse besser bekannt als ‘little Istanbul’ wurde ich schon früh Zeuge einer Lebenseinstellung, deren Ziel es war, jegliche Clichés bezüglich des Schweizer Einkommens zu untermauern. In unserer heutigen Gesellschaft ist das Sozialleben und mitunter der soziale Status eng gekoppelt an Kapital. Kino? -20 Franken. Mit Freunden essen gehen? -40 Franken. Eine neue Hose? -vielleicht sogar 60 Franken. (...) Der Prunk war allgegenwärtig und ich fühlte mich wie im falschen Film. Es war die Kultur geworden das Kapital vorzuführen, wie ein neues Haustier."

"Das Mädchen weint immer stärker. Sobald die Tränen auf den Boden treffen, verwandeln sie sich in bunte Farbe. Das Kind weint immer weiter, bis die farbigen Linien sich schlangenartig über den ganzen Parkplatz hinwegziehen.

Als das Mädchen dies bemerkt, beginnt es zu strahlen, und nun sind es die Freudetränen, die davonfliessen und der Boden beginnt zu glitzern.

"Saskia hält ihre rechte Hand unruhig in die Höhe. Bereits 20 Minuten sind vergangen und das gehäuselte Blatt ist unverändert geblieben, obwohl der Auftrag der Lehrerin klar war. Jeder Schüler soll die Häuschen auf dem Blatt so ausmalen, dass am Ende der Lektion ein Muster zu erkennen ist. Saskia muss einmal mehr nachfragen wie der Wunsch von Frau Kunz lautete. Nachdem die 4. Klässlerin verstanden hat was zu tun ist, sträubt sich etwas in ihr den Auftrag auszuführen. Sie hasst diese unendlich viele Häuschen auf dem vor ihr liegenden A4 Blatt. Diese Quadrate sind Schuld daran, dass sie die schlechteste Note in Schönschrift hat. Doch ihre A's und H's sind nunmal grösser als zwei solche Kästchen. Und ihre c's sind eben nicht so schnell gewachsen wie die der anderen Mitschüler. Die Unruhe in dem kleinen Mädchen wird sichtbar. Ihre langen und bereits etwas zerzausten Zöpfe schaukeln hin und her. Ihre Füsse klopfen gegen den Holzboden. Das Klopfen wird zu einem regelmässigen Rhythmus, welcher die Lehrerin am grossen Pult aufmerksam macht. Ein ermahnender Blick von Frau Kunz genügt nicht. Sie droht Saskias Magnet von Orange auf Rot zu verschieben, wenn sie das Klopfen nicht sofort unterlassen würde. Das rothaarige Mädchen ersetzt das Klopfen mit dem Drehen einer Strähne, die ihr über die Stirn hängt. Angestrengt versucht sie sich verschiedene Muster auszudenken und wird dabei immer nervöser. Alle symmetrischen und geometrischen Formen vermischen sich langsam vor ihrem inneren Auge. Nun greift sie zu den Farben, die ihr zur Verfügung stehen. Im Gegensatz zu den anderen Kindern nimmt Saskia mehrere Stifte in ihre linke Hand und malt damit endlose Kurven und Wege auf das kartierte Blatt. Es entstehen bunte Strassen, die ihren Weg durch die Quadrate bahnen. Mit einem zufriedenen und etwas stolzen Lächeln schreitet sie an den Pult der Lehrerin und gibt das Blatt ab. "Fertig, Frau Kunz!"."

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Neuer Norden Zürich/ Kanti Zürich Nord/ Klasse W5m:

"Die Kultur verbindet Menschen, doch trennt sie gleichzeitig. Manche benutzen Kultur, um die Menschheit aufzuteilen, eine sinnlose Aufteilung, denn Kulturen ergänzen sich zu einem Grossen und Ganzen. Das Gleiche gilt bei Kapital, ausser dass jeder sich dessen bewusst ist. Religion=Kapital? Ja.

"Das Werk ist auch schlecht platziert, da so gut wie niemand dorthin schaut. Das Werk fällt in der Umgebung nicht auf, es “verschwindet”. Es ist nicht provokant, regt nicht zum Nachdenken an. Wenn man sich aber doch entschliesst, darüber nachzudenken, gibt es so viele zusammenhangslose Möglichkeiten, dass es wieder ohne Wirkung auf den Betrachter bleibt."

"Besonders auf dem Kunstmarkt wird den Menschen die ökonomische Wichtigkeit der Kulturgüter bewusst. Altehrwürdige Kunstobjekte werden vermehrt zur Geldwäsche genutzt, da dieser Markt schwer zu überwachen ist. Der Staat geht bei Kontrollen zwar pedantisch vor, blickt jedoch leider vermehrt in die Röhre."

"Das, was man unter traditioneller Kultur versteht, kann heutzutage nicht mehr ohne Kapital, oder konkret: Geld, ausgeübt werden. Überall finden wir Möglichkeiten Geld auszugeben. Dazu kommt noch die Tatsache, dass aus der Industrie und dem hineinfliessenden Kapital, eigene Kulturen hervorgegangen sind, wie zB in der Kleiderbranche."

"Wenn man diese Arbeit anschaut, dann denkt man zunächst einmal kritisch. Was soll ein derart grosses Werk inmitten des Oerlikoner Marktplatzes? Und obwohl es eigentlich fast schon monströs ist, kann man es doch leicht übersehen. Eine solche Arbeit sollte nicht an der oberen Kante eines Gebäudes befestigt sein. Sie sollte viel mehr ins Zentrum rücken, um ein Übersehen zu vermeiden."

Projekt Nr. 82 - "Kunstbeobachter/innen" Klassen K5d und W5m, Kantonsschule Zürich Nord in Kooperation mit Neuer Norden (Kunst im öffentlichen Raum). Schreibcoach: Renata Burckhardt.


JULL Junges Literaturlabor, 

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