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Weimarer Tagebücher - Tag drei


Die Gruppe hat den Tag zwischen Nietzsche-Archiv auf dem Hügel, Schiller-Haus in der Stadt und Frauen*streik in der Ferne verbracht. Die Schüler*innen haben schreibend ihren Blick auf die historischen Rollen von Frauen geschärft und bis in die Nacht hinein über Feminismus und Sexismus diskutiert.

Brief an den Geliebten einer Frau die in einer Zeit lebte, zu der die Frauen nicht schreiben und ihr Geschriebenes nicht veröffentlichen dürften. Geliebter, ich sitze in meinem kleinen Gemach, Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit. Nur eine kleine Kerze, ein kleiner Hoffnungsschimmer erhellt mein Papier. Geliebter, ich schreibe, ich schreibe mit der selben Tinte, mit der selben Feder wie du. Doch die Chance, dass sich das Fenster zum Ruhm öffnet, so wie bei dir, wird mir von meinem Geschlecht verbaut. Geliebter, ich muss es wagen, das Fenster einzuschlagen, meine Identität preiszugeben, auch wenn sich die Scherben des Muts in meine Hände bohren und blutige Wunden hinterlassen. Geliebter, meine schreibenden Hände wurden abgetrennt, sie ertrugen nicht, dass ich, eine Frau dass schrieb, überhaupt schreibt, was sie nicht hören wollten. Geliebter, ich ertrage es nicht länger in deinem Schatten zu stehen, die Liebe zu dir verträgt sich nicht mit meinem Wunsch, meinem Recht, deinen Ruhm, den euren Ruhm zu erhalten. Geliebter, ich sprang aus dem Fenster, landete hart auf einem Boden voller festgesetzten Vorstellungen wie eine Frau sein sollte und was sie nicht tun sollte. Ich landete, ich landete. Geliebter, deinen Blick den du hattest als du dich nach meinen letzten Briefen hast blicken lassen, werde ich nie vergessen. Voller Bewunderung aber auch voller Wehmut, denn du warst noch nicht bereit für mich, konntest nicht mit mir springen und mich nicht auffangen. Adraâ Anna Boukharta, 14.06.19

Unverständnis

Mit Unverständnis beobachte ich die Diskussion um den Feminismus, es wird behandelt, meist aus den Kreisen der Männer, als wäre es eine politische Haltung. Und genau hier kommt die Ironie ins Spiel, denn jede Haltung, die den Feminismus in seiner Berechtigung an sich anzweifelt, ist genau Sinnbild für dessen Rechtmässigkeit.

Wir hören kein Schuldgeständnis, keine Scham für die Welt, die wir geschaffen haben, kein Interesse daran, an dem vorhandenen System zu rütteln. Einzig daran festzuhalten, an dem Männerparadies, in dem es sich doch so schön leben lässt.

Diese grundeingestellt negative Haltung dem Feminismus gegenüber ist genau Symbol für den unterschwelligen Sexismus, der durch unsere Gesellschaft tief in uns eingebrannt ist.

Sie verstehen das Problem unserer Gesellschaft nicht, weil es mit solch einer Normalität einhergeht, denn es geht nicht um gesetzliche Lohngleichheit oder Quoten beim Arbeitsplatz.

Es ist das tiefsitzende, nicht einmal bewusst oder offenkundig gedachte, sexistische Denken, das es zu überwinden gilt.

Erst wenn wir in einer Welt leben, in der Sexismus ein Fremdwort aus dem Geschichtsunterricht ist, darf der Feminismus ruhen.

Valentin Müri, 14.06.2019

Bruder-Schwester-Verhältnis

Ein gestörtes Verhältnis

Sie – zurückgekommen um seinen Geist zu verkaufen

Er – physisch stabil, psychisch krank.

Ein guter Gedanke

von Familie zerstört.

Paulina Bühler, 14.06.19

Nietzsche und Hitler im Gespräch

5. Februar 1933: Der frisch zum Reichskanzler ernannte Adolf Hitler steht vor dem Nietzschehaus in Weimar. Um ihn herum zujubelndes Volk und vor der Haustür steht Nietzsche selbst, der einfach nur dasteht, sowie seine Schwester und sein Schwager, die voller Stolz den Hitlergruss machen. Als sie ins Haus eingetreten sind und sich Hitler und Nietzsche alleine, ohne die Schwester und den Schwager, die aus ihrer Verehrung für Hitler gar nicht mehr herauskommen, in die Küche gesetzt haben, beginnt Hitler: Ich sehe du bist weniger erfreut über meine Ankunft als deine Schwester oder dein Schwager, dabei teilen wir doch dieselben Ansichten. Nietzsche entgegnet: Auch wenn meine von ihrem Mann verdorbene Schwester dich das hat glauben lassen, indem sie dir bewusst eine falsche Interpretation meiner Werke hat zukommen lassen, stimmt das nicht. Du unterteilst die Menschen in Rassen und diese Rassen in Übermenschen und Untermenschen, das tue ich nicht, ein Jude, ein Schwarzer, ein Asiate oder ein Deutscher haben alle die gleichen Chancen zu einem Übermenschen zu werden. Ich bin mir sogar sicher, dass es viele, nach deiner Definition Untermenschen gibt, die weit näher an einem Übermenschen sind, als du oder einer deiner Generäle. Hitler ist empört: Ein Jude, der besser ist als ich, so etwas kann nur jemand sagen, der nicht ganz richtig im Kopf ist, du bist eine Schande für deine Rasse, ein Volksverräter, nichts weiter. Und du kannst mir glauben, dass das noch Konsequenzen für dich haben wird. Daraufhin verlässt Hitler das Haus von Nietzsche.

Max Metz, 14.06.2019

Biologie,

Geschlechts bestimmend

ein X-Chromosom mehr oder weniger?

Wie kann es sein,

dass die Träger des Erbguts

verantwortlich für das Recht,

das Recht eines Homo Sapiens sind?

Ein winzig kleiner DNA-Speicher,

welcher ein ständig präsentes Thema

auf eine Weise bestimmt,

welche mir unerklärlich ist.

Die Gonosomen bestimmen lediglich

das Geschlecht des Individuums,

den klaren Verstand beeinflussen

sie jedoch nicht.

Also wie? Wie kann es sein,

dass das Thema Recht

zu einem Bestandteil einer Ungerechtigkeit

zwischen X und Y wurde?

Katharina Rapp, 14.06.2019

Das Feld ist übersäht von Türmen. Starke, muskulöse Männer schieben Wache. Auf die Zähne bewaffnet. Auf alles vorbereitet. Macht ausstrahlend. Macht besitzend.

Am Firmament erscheinen Häupter, beschmiert mit Blut ihrer Opfer. Konturen machen sich am Horizont sichtbar – die Männer Zittern

DIE FRAUEN KOMMEN

Ruben Fein, 14.06.19

Die Gleichberechtigung heisst nicht, dass sich Frauen morgen genauso miserabel benehmen dürfen, wie sie es heute den Männern vorwerfen, die es gestern taten.

Die Gleichberechtigung heisst nicht dem Mann „gleichwertig“ werden zu wollen, sondern unsere Stärken zu erkennen und sie zu leben, aber auch die Schwächen der Männer zu erkennen und sie zu akzeptieren.

Mann und Frau sind nicht gleich, nein, das werden sie auch nie sein. Aber keines der Geschlechter sollte über das andere gestellt werden und wer das anders sieht, entfernt sich vom Feminismus und nähert sich dem Sexismus.

Wenn das Endziel der Frauenbewegung erst mal erreicht ist, so wird es kein führendes Geschlecht mehr geben, sondern nur noch führende Persönlichkeiten.

Ines Delic, 14.06.2019

Nietzsche

Das muffige dunkle Zimmer, abgetrennt von der Aussenwelt.

Ein Mann liegend auf seinem Sterbebett.

Die Luft voller Staub.

Durch den Vorhang ein paar wenige Sonnenstrahlen.

Es riecht nach Tod, Verwesung.

Erdrückende Stimmung.

Auf dem Tisch ein paar wenige vollgekritzelte Notizblätter.

Nebendran der volle Aschenbecher.

Es ist schwül.

Er schwitzt.

Das Kissen drückt.

Das Atmen fällt ihm schwer.

Das Gesicht ganz taub.

Er schwelgt noch ein letztes Mal in Erinnerungen.

Es ist ganz leise.

Man hört nur noch das Röcheln und Husten.

Der letzte Atemzug.

Das letzte Lächeln.

Stille.

Moijk Kühne, 14.06.19

Glasscheibenwelt

Goethes Arbeitszimmer

Schillers Haus

Nietzsches Sterbezimmer

irgendwie absurd

Hitler war da

Gänsehaut

alte Möbel

glänzend anstelle von Staub

alles hoch heilig zelebriert

bitte nicht berühren!

Nietzsches Veranda mit Blick über Weimar

früher zumindest

Amanda dos Reis, 14.06.19

Umnachtung

Die Welt sie ist,

Die Wand sie steht,

Die Uhr sie tickt,

Die Feder schwingt mit wenig Geschick.

Der Gedanke kommt,

Mann kann ihn fassen,

Wenn auch noch so wirr,

Die Feder führt ihn zu Blatte,

Der nächste Gedanke schreit,

Bettelt um Aufmerksamkeit,

Auch er wird wahrgenommen,

Und wird zu Blatte kommen.

Die Gedanken schliessen ein und aus,

Wenn auch ohne jeglichen Sinn,

Was ein Mann schreibt, darauf gibt man keine Achtung,

Ja, so ist es in geistiger Umnachtung

Kimi Zeindler, 14.06.19

I.

Geliebt.

Gestorben.

Betrogen.

Nietzsche.

II.

Der Gedanke vom Übermenschen.

Gestohlen und verändert.

Betrogen und verkauft.

Gut und Böse.

Ausgenützt von der eigenen Schwester.

Gianna Schwyzer, 14.06.2019

„Für was bauen wirs? Was haben wir da von.“

„Jetzt schweig doch endlich, sonst hören sie uns!“, sprach Joseph zu Emil. Zwei Menschen, die seit Monaten in Buchenwald eingesperrt sind.

„Sei froh, dass wir überhaupt leben.“

„Leben?“, sprach Emil.

„Wir vegetieren hier vor uns her, bis sie uns den Hunden vorwerfen. So. Ich habe mir eine Pause verdient. Kommst du?“, fragte Joseph.

„Gleich“, antwortete Emil. „Muss noch schnell das Scharnier fertigmachen.“ Als Joseph herausging, setzte er sich auf den fertiggestellten Mahagoni-Esstisch, zündete eine seiner letzten geschmuggelten Zigaretten an und sprach: „Hörst du mich? Du Schriftsteller? Hast du dir das vorgestellt. Dass ich mal, der ich dich studierte, nun deine Möbel zusammenbaue. Und nun besteht mein Leben aus dir. Besser gesagt, aus deinem Esstisch. Weisst du, ich fand deine Bücher nie gut. Zu revolutionär für die Zeit. Hättest du lieber was wie der Herr von Goethe geschrieben.

Weißt du, wie lange ich für eins deiner Möbel bräuchte? 2 Monate. Und nun darf ich es nicht einmal dann in meinem Haus aufstellen. Weisst du, ich war auch ein Revolutionärer. Marx und Engels studiert und kämpfte für die Revolution. Und nun werde ich für die Revolution sterben.

Meine Tochter und Frau habe ich seit Wochen nicht gesehen. Weisst du, wieso? Weil sie die Wärter genervt hat. Ein 3-monatiges Kind. Wieso hat sie das verdient?“ Emil bricht in Tränen aus. Auf einmal geht die Tür auf. Ein Wärter mit Uniform kommt rein. Mit der rechten Hand fasst der den Gürtel an. Sein Hemd ist falsch geknöpft und stinkt nach billigem Rum. Er spricht: „Was tust du hier? Ist doch egal. Zieh mal deine Hose aus.“

Emil weigert sich. „Was?“, sagt der Wärter. Er packt seinen Schlagstock aus und schlägt Emil auf den Kopf. Emils Kopf platzt auf und liegt regungslos auf dem Boden. Am nächsten Tag steht im Bericht: Die Nr. 8536 wurde im August, den 10.06.43 entsorgt. Er verweigerte die Kooperation mit Wärter K. und sah sich gezwungen zu reagieren. Er verstarb an einer Wunde am Kopf am selben Abend an einer Verblutung. Zeuge: Wärter K.

Anton Nikitin, 14.06.19

Schlange im Eulennest

Die Schlange ist die Schwester der Eule. Sie wurde aus der Grube verbannt und nun bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich mit kraftvollen Schlägelbewegungen in Richtung Eulennest zu bewegen. Als sie sich dann in das feinsäuberlich gebaute Nest legte, war dies verlassen. Mit diesem Gedanken im Kopf rollte sie sich in der Mitte zusammen und schloss die Augen.

Die süssen Träume über hübsche vielkrempige Hüte wurden jäh unterbrochen, als die Eule von der Jagd zurückkehrte und sich über die Schwester empörte. Diese grinste nur gewinnend. Die Eule verdrehte die Augen, stotterte und fiel um. Völlig verdattert und umnachtet lag sie dann da, als sich die Schlange mit Freude auf die mitgebrachte Beute stürzte. Ihren Mund umspielte immer noch das gewinnende Grinsen im Wissen, dass sie hatte, was sie wollte.

Lou Blumenthal, 14.06.19


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