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Weimarer Tagebücher - Tag vier


Wir haben die Gedenkstätte KZ Buchenwald besucht. Und versucht, Worte zu finden.

Der hässliche Mensch

Der hässlichste Mensch tötet seinen Zeugen. Den Zeugen, den jeder in sich selbst hat, in Form des Ichs. Der Zeuge, vor dem du nichts verstecken kannst. Tötest du diesen Zeugen bist du im Stande alles zu tun. Die Freiheit aber, durch den Zeugen zu entscheiden, was du tun willst und was nicht, verlierst du.

Nur so kann ich mir erklären wie die SS-Soldaten in der Lage waren zu tun was sie taten. Ich behaupte sie sind eine Version des hässlichsten Menschen. Nur durch das Töten meines eigenen Zeugen kann ich die unmenschlichen Taten begehen und im nächsten Moment mit meinen Kindern liebevoll umgehen. Nur so kann ich in dem unerschütterlichen Glauben bleiben, dass meine Taten nicht falsch sind so wie es manche SS-Soldaten lange nah dem Zweiten Weltkrieg taten. Es ist der einzige mir vorstellbare Grund wieso NS-Verbrecher so reuelos sein können. Sie entwickeln sich nicht mehr weiter. Sie sind die hässlichsten Menschen.

Jero Plüss, 15.06.2019

Kieselsteine

Nun liegen sie da. Reglos. Als wären sie erschöpft von der Last des Vorgefallenen. Die Last der, an Menschen verübten, Grausamkeit. Angewidert, von der Vulgärheit des Geschehenen. Schon ganz grau, verstört von dem, was sie gesehen haben. Sie sind unfreiwillige Zeugen einer der unmenschlichsten Momente in der Geschichte der Menschheit. Sie sind Ofer einer Zeit des Terrors geworden. Nun liegen sie da. Tag für Tag vertrampelt von Touristen, welche ihnen keines Blickes würdigen.

Aya Lum, 15.06.2019

Stell dir vor

auf der Zugstrecke Wien-Paris

liegt an den Schienen

eng aneinandergepresst

ein Mensch neben dem anderen

den Kopf auf der Schiene

und am anderen Schienenstrang

liegt ebenfalls

eng aneinandergepresst

ein Mensch neben dem anderen

den Kopf auf der Schiene

und stell dir vor

du sitzt im Zug

und fährst

von Wien nach Paris

und unter dir über den Schienen

die Köpfe der Leute

Du fährst fünfzehn Stunden

und jede Sekunde

überrollt der Zug

ein paar Köpfe

von Wien bis Paris

tausendvierhundert Kilometer

fünfzehn Stunden lang

So viele Menschen wurden in den KZ des Dritten Reiches getötet

Ines Delic, 15.06.19

Wie vom Blitze erschlagen, muss ich weinen. Auf dieser kargen, ruinen Landschaft sammelt sich ein Tropfen an und kullert mir das Gesicht herunter. Fühlt sich gut an, auch wenn ich mir dabei etwas lächerlich vorkomme.

Ich schaue nach rechts und links und entdecke Wiesen, die vom Winde so schön sich bewegen. Da rollt mir die zweite Träne runter. Kitschiger kann es wohl nicht werden. Möchte doch gar nicht weinen. Halt Stop. Doch höre nicht auf. Warmer Sommertag doch mir ist kalt. Schöne Wiesen doch hässlich anzusehen. Viele Geschichten doch kein Erzähler.

Anton Nikitin, 15.06.19

Blaue Hülle über dem grauen Ort.

Komisch, das Grün heute, was das selbe Grün vor Jahren

Ich scharre mit dem Fuss in den scharfkantigen Steinen

und der Gedanke über das, was früher auf dem selben Boden,

den selben Steinen geschehen ist, lässt meine Lippen zittern. Schaurige Welt.

Unglaubliche Welt, in der ich mich zwingen muss, sie zu verstehen.

Die blaue Hülle zwängt und wird dichter.

Annatina Lilienthal, 15.06.19

Es wird dem niemals gerecht.

Ich will keinen Text über diesen Ort schreiben.

Nicht, weil ich ihn verdrängen oder vergessen will, sondern nur, weil es keine Worte für einen solchen Ort gibt. Ich werde keine Worte finden, die diese Hölle auf Erden beschreiben können und ich werde auch keine Worte finden, die genau aufzeigen könnten, wie ich mich fühle, wenn ich diesen Ort sehe.

Ich traue mich nicht, diese Aufgabe zu übernehmen, etwas zu beschreiben, was ich schlicht und einfach nicht kann. Es steht mir nicht zu. Denn alles, was ich aus meiner Unerfahrenheit nur etwas vermildert ausdrücken würde, wäre ein Verrat und wieder eine Ungerechtigkeit für alle die, die dort ihr Leben lassen mussten.

Einen Abschlusssatz finde ich auch nicht, weil es dem allem zu wenig würdig ist.

Sascha Müri, 15.06.19

Doch Mensch geblieben

Wie Tiere gehetzt

Wie Tiere gepfercht

Wie Tiere gesehen

Bezeugt von dem Holz auf dem ihr schlieft

Bezeugt von der Wiese auf der ihr schmachtetet

Bezeugt von dem blauen Himmel zu dem ihr hochsaht

Wie Bilder aufgehängt

Wie Kohle in den Schacht geworfen

Wie leeres Papier verbrannt

Doch Mensch geblieben

im letzten menschlichen Merkmal das man euch liess

Der Leidensfähigkeit.

Valentin Müri, 15.06.19

Die Frage, die man sich stellt, wäre ich auch zu solchen Dingen fähig gewesen oder was wäre, wenn ich in diese Situation geraten wäre, wenn ich überlebt hätte. Wer wäre ich?

Moijk Kühne, 15.06.19

Das KZ – ein Ort, so beklemmend und grässlich

Die Genickschussanlage – einfach nur abschäulich

Das Menschenleder – ein barbarischer Akt

Die Häftlinge – so schutzlos und nackt.

Die Wärter – bei der Familie so friedlich

Der Tod – hinterm Zaun so allgegenwärtig

Das Volk – wollt wirklich nichts sehen oder hören

Die Welt – muss daraus lernen

Florent Bidaut, 15.06.19

Ein kleiner Junge, unschuldig und voller Angst

Auf engem Raum mit über 13 Mann

Nur auf einer Pritsche aus Holz

Alles verloren ausser den Stolz

Ein alter Mann, müde und gebrechlich

Die Taten an ihm unaussprechlich

6 Jahre lang die Hölle auf Erden

Voller Leiden, Qualen und Beschwerden

Max Metz, 15.06.19

Wäre es unmenschlich, den Nationalsozialisten nicht zu verzeihen?

Bereits im Vorfeld des Buchenwald-Besuches sah ich mich wieder mit der Frage nach der Vergebung konfrontiert. Der Vergebung zwischen Mensch und Mensch; ob Vergebung zwischen einem Juden und einem KZ-Wärter oder Vergebung zwischen einer ganzen Religionsgemeinschaft und einem ganzen Volk.

Ich fühlte mich «wieder» konfrontiert, weil ich mich bereits sehr ausgiebig ungefähr vor einem Jahr mit dieser Fragestellung beschäftigt hatte, als wir im Unterricht Simon Wiesenthals «die Sonnenblume» behandelten.

Die Frage nach der Unmenschlichkeit am Konstrukt, einem und gleichzeitig allen Nationalsozialisten nicht zu vergeben, wirkt auf mich enorm komplex; es gilt unglaublich vieles zu berücksichtigen. Wer kann und darf überhaupt wem vergeben, und was gibt es zu vergeben? Gibt es die Kollektivschuld, und wenn, gäbe es die Kollektivvergebung? Was bezweckt die Vergebung, für wen ist sie Erlösung, für wen Gefahr? Gibt es nach Vergebung auch Wiedergutmachung? Bedingt die eine die andere? Ich dachte, die Fragestellung für mich geklärt zu haben. Doch nach Buchenwald kam für mich ein neuer Aspekt auf bzw. es wurde einem Aspekt eine viel stärkere Gewichtung verliehen: Menschlichkeit.

Dieser Ort ist böse. Doch was ist «böse»?

Keine Menschlichkeit. Willkürliche Gewalt. Machtausnutzung. Qualen. Misshandlungen an Lebenden und Toten. Menschenhaut als Lampenschirme. Menschenköpfe als Buchbeschwerer. Brechreiz.

Ich fühle mich im Moment des Betretens des Lagers deplatziert, ich verspüre eine Unzugehörigkeit zu diesem Boden. Als Mensch bin ich hier nicht vorgesehen. Als Judensohn bin ich hier nicht vorgesehen. Ich erfriere bei 27 Grad in der prallen Sonne.

Dieser Ort ist Tod. Doch was ist «Tod»?

56 Tausend Menschen. Juden. Kommunisten. Homosexuelle. Ermordet von der SS.

Es ist am naheliegendsten, die Gräueltaten in Buchenwald während der NS-Zeit als unverzeihbar zu betiteln und abzustempeln als «nie zu vergebende Untaten». Es wäre durchaus ein «menschliches» Handeln, mit Empören alles von sich zu stossen und totalisiert abzulehnen. Aber wäre es an sich «menschlich»?

Ist es nicht unmenschlich, Unmenschen zu hassen? Darf man Unmenschlichkeit mit Unmenschlichkeit begegnen? Simone Veil schreibt in Simon Wiesenthals «Die Sonnenblume»: «In den schlimmsten Momenten hatten wir manchmal Angst, unseren letzten Rest Menschlichkeit zu verlieren, jenen Teil des Bewusstseins und der Würde, welcher den Menschen vom Tier unterscheidet.» Weiter fragt sie sich, ob Simon Wiesenthal befürchtete, hier durch sein Verhalten, die Nicht-Vergabe von Vergebung an einen SS-Mann, unmenschlich gewirkt zu haben. Wo bleibt nun die Unterscheidung von Mensch und Tier, aber auch von der SS? Sind wir «Unvergebenden» Unmenschen? Trennt uns nicht genau unsere Vergebung von den Nationalsozialisten ab, unterscheidet sie «uns» von «ihnen»? Verlieren wir mit unserem Hass gegenüber Unmenschen nicht genau das, was «uns von «ihnen» abtrennte?

Um hinsichtlich der «Sonnenblume» auf ein Resultat zu kommen; Die Vergebung eines einzelnen Juden für den KZ-Wärter wäre meiner Ansicht nach gleichermassen erlösend und aus ethischer Sicht «menschlich» wie auch heuchlerisch und eine Lüge gewesen.

Doch im Allgemeinen habe ich mich heute von einer Idee der Vergebung entfernt.

Ich stehe an der Jüdischen Gedenkstätte, mittig im Lager. «Auf dass erkenne das künftige Geschlecht, die Kinder, die geboren werden, dass sie aufstehen und erzählen ihren Kindern».

Mein Blick fällt auf das Eingangstor. Ich weiss nicht, wie ich vergeben könnte. Ich weiss nicht, wer vergeben könnte.

Jüdischer Block 22. Ich spüre die Menschlichkeit.

Dieser Ort ist Böse. Dieser Ort ist Tod.

Ruben Fein, 15.06.19

Gedenkstätte Buchenwald

Vorher

Vielleicht brauche ich noch mehr Zeit

blaue Trauer warum nicht rot?

Würde der Vergangenheit

ich will einen Ozean

rote Blumen Vorhänge durchsickert von Sonne

befahrene Strasse, alles wie immer

Weimar am Morgen

20 Minuten Busfahrt

Nähe des Grauens

Busfahrt

Buchenwald Gedenkstätte über

Goetheplatz und Hauptbahnhof

dreckige Scheiben

ich will nicht alles sehen

blaue Sitzpolster und einige stehen

französische Melancholie

ich will einen Ozean

der Busfahrer vorne wie immer

Kaugummi kauend

gelangweilter Blick

20 Minuten zergehen zu zwei

grauer Asphalt und trockene Luft

abstrakte Farben

Warum ist die Welt nicht schwarz-weiss?

Dort

junge Birken am Strassenrand

wortlos

zu laute Stile

Wind in den Haaren

orange Schmetterlinge fliegen über

grauen Stein

Ich will einen Ozean

stumm schreiende Welt

angeekelt Mensch zu sein

greller Lärm im Wind verblasst

Danach

angespannt zwischen Unmenschlichkeit

und verhaltenem sein

ich will einen Ozean

Windstille

20 Minuten Busfahrt

Weimar

Sonnenstrahlen

matte Hitze im Schatten und

Wind in den Haaren

zu viele Farben

ich will einen Ozean zwischen mir

und dem Gedanken Mensch zu sein

Amanda dos Re


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