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Obhut, Mützen und Meretlein


Der zweite Hitzetag, dieses Mal im bereits abgedunkelten Gemäuer, bei zugezogenen Läden. Am Ende des 4. Kapitels treffen wir auf folgende Passage über Heinrichs Vater:

Je dunkler die Ahnung ist, welche ich von seiner äußern Erscheinung in mir trage, desto heller und klarer hat sich ein Bild seines innern Wesens vor mir aufgebaut, und dies edle Bild ist für mich ein Teil des großen Unendlichen geworden, auf welches mich meine letzten Gedanken zurückführen und unter dessen Obhut ich zu wandeln glaube.

Was heisst eigentlich Obhut? Ein Wortfeld –Hut, auf der Hut sein, hüten, behüten - Obrigkeitsfragen durchziehen diesen Text – Heinrichs Mützengeschichten werden in Erinnerung gerufen, in seine Reisemütze steckt er eine Primel, die Mütze wird ihm vom Kopf geschlagen, sie soll (in de) wiederholt zum Grusse gelüpft, gehoben werden etc. – Verweise auf weitere Hutpassagen in der Literatur – in Schillers Tell oder Max Frischs Stiller, wo es gleich zu Beginn heisst:

Die Ohrfeige erfolgte, als der junge Zöllner, trotz meiner ebenso höflichen wie deutlichen Warnung, mit der Miene eines gesetzlich geschützten Hochmuts behauptete, man werde mir schon sagen, wer ich in Wirklichkeit sei. Seine dunkelblaue Mütze rollte in Spirale über den Bahnsteig, weiter als erwartet, und einen Atemzug lang war der junge Zöllner, jetzt ohne Mütze und somit viel menschlicher als zuvor, dermassen verdutzt, auf wutlose Art einfach entgeistert, dass ich, ohne weiteres hätte einsteigen können.

Das Meretlein - die Geschichte des “Hexenmädchens”, das alle in den Bann ziehet, die Fische verblendet, Tauben gefügig und Pfarrherren gefrässig macht, das zur Sache wird, zum Geschäft - wir lesen den Bericht aus dem Vorvorvorjahrhundert Satz für Satz, in der Hitze, gegen die Hitze, er ist gespickt mit Latinismen, die sich nicht immer eröffnen, manchmal kurz erklärt werden oder übersprungen werden dürfen - und weiter - es ist eine Schauergeschichte, sie lässt das Blut gefrieren. Als wir die Fenster öffnen, ist Bewölkung aufgezogen. Luftbewegungen.

Projekt 111: «Green Henry» - Jugendliche nähern sich schreibend dem grossen Zürcher Klassiker. Kantonsschule Enge, Klasse W1b (Lehrerin: Beatrice Stoll) mit Ruth Schweikert und Peter Weber. Im Rahmen von 200 Jahre Alfred Escher & Gottfried Keller, unterstützt vom Lotteriefonds des Kantons Zürich.

Bilder: RR, PW.


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